Wer oder was ist der PSCR? Der Produktsicherheits- und Konformitätsbeauftragte
Wer als Zulieferer in der Automobilindustrie arbeitet, kennt die Anforderung: Der OEM verlangt einen benannten PSCR – einen „Produktsicherheits- und Konformitätsbeauftragten.“Product Safety and Conformity Representative“ „Ist das eine gesetzliche Pflicht?“, ist dann die häufigste Frage.
Die Antwort überrascht viele: Ein Gesetz, das einen „PSCR“ vorschreibt, gibt es zwar nicht – dennoch sind die Anforderungen ganz klar gesetzlich definiert – teils im Zivilrecht (BGB), im Produktsicherheitsgesetz und anderen nationalen Gesetzen, teils aber auch in den Harmonisierungsvorschriften der EU.
Verkauft hier die Industrie einfach nur „alten Wein in neuen Schläuchen“? Nein, so einfach ist es nicht. In vielen Unternehmen der Lieferkette gibt es keine Juristen – hier sitzen Ingenieure und kaufmännische Fachkräfte, die diese Anforderungen umsetzen müssen. Es ist also nur eine logische Konsequenz hier ein Regelwerk zu schaffen und eine Rolle zu definieren, die es Nichtjuristen erlaubt, diese Anforderungen zu verstehen und umzusetzen. So wundet es nicht, dass einzelne Fahrzeughersteller durch die gesamte Lieferkette diese Standard als verpflichtend definiert haben. Und der Erfolg gibt ihnen Recht – denn der Standard hat sich auch außerhalb der Automobilindustrie etabliert. Was hinter der Rolle steckt, woher sie kommt und warum sie so wichtig ist klären wir im folgenden Beitrag.
Was der PSCR ist – und was er nicht ist
Der PSCR hat den PSB, den Produktsicherheitsbeauftragten abgelöst – es ist die Person, bzw. Organisation im Unternehmen, die dafür sorgt, dass Produkte sowohl sicher als auch konform sind. Beide Begriffe gehören zusammen, meinen aber Unterschiedliches: Sicherheit adressiert die Gefährdung von Menschen, Konformität die Einhaltung von Vorschriften und Spezifikationen. Der PSCR hält beides im Blick – über den gesamten Produktlebenszyklus, von der Produktidee bis zur Entsorgung.
Hierbei geht es vor allem darum, dass mögliche Fehler und Risiken durch die gesamte Lieferkette schnellst möglich kommuniziert werden, damit im besten Fall die Auslieferung von risikobehafteten Produkten gestoppt werden kann – egal wo der Fehler aufgetreten und identifiziert wurde.
Entscheidend ist, was der PSCR nicht ist: keine gesetzlich vorgeschriebene Position wie etwa der Datenschutzbeauftragte nach der DSGVO. Kein Gesetz nennt den „PSCR“ namentlich oder verpflichtet Unternehmen, ihn zu benennen. Die Rolle ist eine Erfindung der Automobilbranche – eine kluge, aber freiwillige Konkretisierung allgemeiner rechtlicher Pflichten. Genau diese Unterscheidung wird in der Praxis oft verwischt. Diese Funktion im Unternehmen nicht zu besetzen, bedeutet nicht, dass man gegen gesetzliche Bestimmungen verstößt, sondern regelmäßig gegen vertragliche Vereinbarung.
Industriestandard, nicht Gesetz: die feine, wichtige Grenze
Die rechtliche Landschaft dahinter ist zweistufig. Auf der einen Seite stehen die Gesetze, die Hersteller allgemein verpflichten: das Produkthaftungsgesetz, das Produktsicherheitsgesetz und die von der Rechtsprechung entwickelte Produktbeobachtungspflicht. Sie verlangen Produktsicherheit, Marktbeobachtung und Reaktion auf Gefahren – aber sie schreiben keine bestimmte Rolle namens „PSCR“ vor.
Auf der anderen Seite stehen die Industriestandards, die genau diese Pflichten in eine konkrete Rolle gießen. Der VDA-Band „Produktintegrität“ beschreibt die Aufgaben und Befugnisse des PSB; OEM-Anforderungen wie die Formel Q des Volkswagenkonzerns verlangen ihn von Lieferanten. So wird aus einer allgemeinen gesetzlichen Verantwortung eine benannte Person / Organisation mit klaren Zuständigkeiten.
Was heißt das für Sie? Verwechseln Sie nicht „nicht gesetzlich vorgeschrieben“ mit „vertraglich vereinbart“. Faktisch ist der PSCR für Automobilzulieferer oft Pflicht – nicht durch den Gesetzgeber, sondern durch den Kunden. Und ein OEM, der einen qualifizierten PSCR verlangt, akzeptiert kein „das steht so in keinem Gesetz“ als Ausrede.
Kein Gesetz – und trotzdem Pflicht
Kein Gesetz nennt den „PSCR“. Die allgemeine Produktsicherheits- und Produktbeobachtungspflicht folgt aus ProdSG, Produkthaftungsgesetz und den EU-Harmonisierungsvorschriften. Die Rolle selbst stammt aus VDA-Standards (Band „Produktintegrität“) und OEM-Anforderungen (z. B. Formel Q) – und ist damit vertraglich, nicht gesetzlich, verpflichtend. Dass diese Rolle auf allgemeinen gesetzlichen Bestimmungen basiert, zeigt dass diese Rolle letztendlich für Unternehmen aller Branchen Sinn macht, da hier die wesentlichen Pflichten in Bezug auf Produktsicherheit und Produktkonformität gebündelt sind.
Der PSCR auf einen Blick

Die Aufgaben: Produktsicherheit und Konformität sicherstellen
Der PSCR ist keine reine Papierfunktion. Zu seinen Aufgaben gehört, Sicherheits- und Konformitätsrisiken frühzeitig zu erkennen, die Umsetzung entsprechender Maßnahmen zu überwachen und im Ernstfall zu eskalieren. Besonders wirkungsvoll ist eine Befugnis, die ihn von vielen anderen Rollen abhebt: Er kann eine Ausliefersperren der laufenden Serienproduktion veranlassen, wenn eine sicherheits- oder konformitätsrelevante Beanstandung dies erfordert.
Damit diese Befugnis wirkt, braucht der PSCR eine unabhängige Berichtslinie zur Leitung. Er darf nicht in einer Position sitzen, in der wirtschaftlicher Druck ihn davon abhält, im Zweifel den Stopp-Knopf zu drücken. Genau hier liegt der Kern der Rolle: Sie institutionalisiert die Fähigkeit, Sicherheit über Termindruck zu stellen – und macht diese Verantwortung an einer Person / Organisation fest.
Auch die Feldbeobachtung gehört dazu: Der PSCR verfolgt, wie sich Produkte im Einsatz verhalten, wertet Beanstandungen aus und stößt bei Bedarf Korrekturmaßnahmen oder Rückrufe an. Er ist damit ein zentraler Knotenpunkt zwischen Entwicklung, Produktion, Qualität und Recht – dort, wo technische Beobachtung auf rechtliche Konsequenz trifft.
Wichtig hierbei: Der PSCR muss nicht alle diese Tätigkeiten selbst ausführen – er muss mit den betreffenden Rollen / Bereichen eng vernetzt sein, mit diesen in einem engen Austausch stehen und diese gegebenfalls unangekündigt prüfen / „auditieren“.
Warum OEMs den PSCR in der Lieferkette verlangen
Die Automobilindustrie lebt von tiefen, vielstufigen Lieferketten. Ein Sicherheitsproblem an einem kleinen Zulieferteil kann das ganze Fahrzeug betreffen – und den OEM in Rückruf und Haftung ziehen. Deshalb verlangt die Branche, dass auf jeder Stufe der Lieferkette und je Fertigungsstätte ein benannter PSCR die Produktsicherheit und -konformität verantwortet. So entsteht eine durchgehende Kette der Verantwortung, vom Rohteil bis zum fertigen Fahrzeug.
Für Zulieferer heißt das ganz praktisch: Ohne benannten, qualifizierten PSCR wird es schwer, überhaupt gelistet zu werden. Die Rolle ist damit nicht nur ein Sicherheitsinstrument, sondern eine Eintrittskarte in die Lieferkette. Wer sie professionell aufsetzt, signalisiert Reife und Verlässlichkeit – wer sie vernachlässigt, riskiert Aufträge.
Rolle vs. Zertifikat: die Qualifizierung
Ein weiterer Punkt sorgt für Verwirrung: die betriebliche Rolle PSCR ist etwas anderes als eine persönliche Zertifizierung. Unternehmen können die Funktion intern besetzen; Zertifikate von der Mark Haacke Compliance Engineering oder dem VDA QMC und seinen Lizenznehmern sind Qualifikationsnachweise, aber keine gesetzliche Zulassungsvoraussetzung. Ein solches Zertifikat belegt, dass die Person die Aufgaben und Rechtsgrundlagen kennt – gefordert wird es vom OEM, nicht vom Gesetzgeber.
Was heißt das für Sie? Prüfen Sie zwei Dinge getrennt: Ist die Rolle im Unternehmen sauber verankert (Ernennung, Befugnisse, Berichtslinie)? Und ist die Person ausreichend qualifiziert? Beides zusammen macht einen belastbaren PSCR – die reine Zertifikatsurkunde an der Wand genügt nicht, wenn die Rolle im Organigramm keine Zähne hat.
Prüfen Sie auch genau den Anbieter für die PSCR-Schulung und den PSCR-Workshop. Nicht jeder Anbieter bildet in seiner Schulung den letzten Stand der Anforderungen ab. Und nur wenige Trainer haben auch den direkten Praxisbezug und können die Anforderungen und deren Umsetzung anhand echter Praxiserfahrung erläutern.
Achten Sie auch darauf, ob der Anbieter seine Schulung als „Bildungsleistung“ anerkannt hat. Diese Prüfung ist in Deutschland gesetzlich verpflichtend und ist erkennbar daran, dass die Schulung von der Mehrwertsteuer befreit ist. Achten Sie auch immer auf die Bewerungen zu Schulung und Trainer.
Ist Ihr PSCR belastbar aufgestellt?
0 / 5 erledigtDer PSCR steht in keinem Gesetz – und ist für Automobilzulieferer trotzdem Pflicht. Der Kunde verlangt ihn, und im Ernstfall drückt er den Stopp-Knopf, den kein Termindruck übertönen darf.
Die wichtigsten Stationen
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PSB wird zu PSCR
Die Rolle des Produktsicherheitsbeauftragten wird erweitert um die Produktkonformität – die Produktintegrität wird definiert.
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VDA-Band „Produktintegrität“
Der VDA beschreibt Rolle, Aufgaben und Befugnisse des PSCR als Branchenempfehlung.
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OEM-Anforderungen
OEMs (z. B. via Formel Q) verlangen den benannten PSCR entlang der Lieferkette.
So verankern Sie die Rolle im Unternehmen wirksam
Ein PSCR auf dem Papier nützt wenig. Damit die Rolle ihren Zweck erfüllt, braucht sie drei Dinge: eine formale Benennung durch die Geschäftsleitung, ausreichende Ressourcen und – entscheidend – ein Eskalationsrecht. Der Produktsicherheitsbeauftragte muss Bedenken direkt an die oberste Leitung tragen können, ohne Umweg über die Abteilung, deren Produkt er gerade in Frage stellt.
Genau daran scheitert die Rolle in der Praxis am häufigsten. Wird der PSCR organisatorisch nicht klar verankert, gerät er in einen Interessenkonflikt: Er soll bremsen, wo seine Vorgesetzten beschleunigen wollen. Deshalb empfehlen wir eine Anbindung, die seine fachliche Weisungsfreiheit in Sicherheitsfragen absichert – vergleichbar mit der Stellung, die man einem Datenschutz- oder Sicherheitsbeauftragten einräumt.
Nicht nur die Eingliederung im Organigramm ist wichtig – der PSCR sollte auch in der Prozesslandschaft klar eingebunden sein, damit allen Beteiligten schon anhand von Prozessbeschreibungen, Verfahrensanweisungen und Freigabedokumenten verdeutlich wird, dass diese Rolle in allen Phase der Produktentstehung und des Produktlebenszyklus unumgänglich ist.
Ebenso wichtig ist die Dokumentation. Der PSCR sollte seine Bewertungen, Bedenken und Empfehlungen nachvollziehbar festhalten – nicht als Selbstzweck, sondern weil diese Aufzeichnungen im Schadensfall zeigen, dass das Unternehmen Produktsicherheit systematisch organisiert hat. Wer belegen kann, wer wann was geprüft und entschieden hat, steht deutlich besser da als ein Hersteller, der sich auf mündliche Absprachen beruft.
Für Sie heißt das: Die Benennung eines PSCR ist der erste Schritt, nicht der letzte. Erst die richtige organisatorische Einbettung – Weisungsfreiheit, Ressourcen, Prozesse, Freigaben, Eskalationsweg, Dokumentation – macht aus einer Formalie eine wirksame Rolle. Wer die Rolle ernst nimmt, reduziert nicht nur Risiken, sondern schafft auch das Vertrauen, das OEMs entlang der Lieferkette erwarten.
Fünf Bedingungen für einen wirksamen PSCR
Formale Benennung durch die Leitung, Einbettung in die Prozesslandschaft, ausreichende Ressourcen, fachliche Weisungsfreiheit mit direktem Eskalationsrecht und eine belastbare Dokumentation. Fehlt eine dieser Bedingungen, bleibt die Rolle wirkungslos.
Häufige Fragen zum PSCR
Ist der PSCR gesetzlich vorgeschrieben?
Nein, nicht als namentliche Rolle. Gesetze wie ProdSG und Produkthaftungsgesetz verpflichten Hersteller allgemein zu Produktsicherheit und Marktbeobachtung; die konkrete PSCR-Rolle stammt aus VDA-Empfehlungen und OEM-Anforderungen wie der Formel Q.
Wofür stehen PSCR und PSB?
PSCR = „Product Safety and Conformity Representative“, PSB = „Produktsicherheitsbeauftragter“. Der PSCR stellt die Weiterentwicklung des PSB dar.
Welche Befugnisse hat ein PSCR?
Er kann u. a. eine Ausliefersperren der laufenden Serie veranlassen, ist in allen Phasen der Produktentstehung und des Produktlebenszyklus involviert.
Was regelt die Rolle PSCR?
In der Rolle wird zunächst nur festgelegt was der PSCR tut. Mit einer schriftlichen „Benennung“ wird festgelegt wer hier die Verantwortung übernimmt. Aber wie diese Aufgaben umzusetzen sind, muss in der Prozesslandschaft abgebildet werden.
Braucht ein PSCR ein Zertifikat?
Gesetzlich nicht. Zertifikate (MHCE) sind Qualifikationsnachweise, die OEMs häufig verlangen – die betriebliche Rolle muss aber unabhängig davon sauber verankert sein. Ein bei MHCE geschulter PSCR darf weitere interne PSCR ausbilden – diese Ausbildung wird von den OEMs anerkannt, ohne dass diese hierfür ein Zertifikat als Nachweis verlangen.
