Qualitätskontrolle an einer Automobil-Fertigungslinie – Symbolbild Conformity of Production

Was ist CoP (Conformity of Production)? Übereinstimmung der Produktion

„Conformity of Production? Das macht doch unsere Qualitätssicherung.“ Diesen Satz hören wir oft – und er ist nur zur Hälfte richtig. Ja, CoP kann von der Qualitätssicherung im Werk unterstützt werden. Aber es ist kein internes QS-Thema, sondern eine rechtliche Bedingung für den Marktzugang. Wer sie nicht erfüllt, riskiert am Ende die Typgenehmigung selbst. Klären wir, was CoP wirklich ist – und räumen wir mit dem hartnäckigsten Irrtum der Branche auf.

Was Conformity of Production wirklich bedeutet

Die Typgenehmigung bescheinigt, dass ein Baumuster die Vorschriften erfüllt. Hierbei wird lediglich auf konstruktive Merkmale abgestellt – was dann auch Simmulationen und Zecihnungen für den Nachweis erlaubt – CoP stellt sicher, dass jedes Serienexemplar diesem Muster weiterhin entspricht – und stellt somit auf tatsächlichen Begebenheiten, die aus der Fertigung resultieren, ab. Genau darin liegt der Kern: Die Genehmigung ist eine Momentaufnahme, CoP ist der Film dazu. Rechtlich verankert ist sie in Art. 31 der VO (EU) 2018/858 in Verbindung mit Anhang IV – seit dem 1. September 2020 EU-weit einheitlich, nachdem die Rahmenrichtlinie 2007/46/EG abgelöst wurde.

Anhang IV nennt zwei Elemente. Erstens die Anfangsbewertung: Vor der Genehmigung prüft die Behörde, ob der Hersteller überhaupt die Vorkehrungen und Verfahren hat, um Serienprodukte genehmigungskonform zu entwicklen und zu fertigen. Zweitens die laufende Verifizierung: Nach der Genehmigung kontrolliert sie fortlaufend, ob das auch so bleibt. Beides gehört untrennbar zusammen – eine bestandene Anfangsbewertung ohne gelebte laufende Kontrolle ist wertlos.

Entscheidend ist das Wort „genehmigter Typ“. Maßstab ist nicht ein abstraktes Qualitätsniveau, sondern exakt die Ausführung, die in der Typgenehmigung dokumentiert ist – mit ihren Toleranzen, Werkstoffen und Prüfwerten. Weicht die Serie davon ab, ist sie nicht „etwas schlechter“, sondern schlicht nicht mehr entsprechend dem genehmigten Typ – somit „nicht konform“. Diese Verschiebung im Denken – von „gut genug“ zu „genau wie genehmigt“ – ist der eigentliche Kern von CoP.

Der gefährlichste Irrtum: „CoP nur alle zwei Jahre“

Es gibt einen Satz, der sich in vielen Unternehmen hält und schlicht falsch ist: CoP werde „alle zwei Jahre“ geprüft. Einen pauschalen Zwei-Jahres-Turnus gibt es nicht. Der Hersteller muss seine CoP-Aktivitäten immer Risiko basiert planen.

Initial wird das Risiko für Abweichungen, sogenannte „NIchtkonformitäten“ während der Entwicklung geprüft – typischerweise mithilfe einer FMEA. Weiter geht es mit der Bewertung von internen Freigabe-Test und der Typprüfung. Auch das Risiko für Abweichungen, die aus Toleranzen der Produktion resultieren müssen berücksichtigt werden. Hierraus resultieren dann CoP-Kontrollpläne, die für jedes Unternehmen und jedes Produkt sehr individuelle Prüfungsintervalle und Stichprobengrößen enthalten.

Wir wiederholen die Typprüfung für CoP – ein gefährlicher und teurer Ansatz

In vielen Unternehmen hat sich etabliert für die CoP-Prüfungen einfach den Typprüf-test zu wiederholen. Das führt jedoch oft am Ziel vorbei und ist der teuerste Weg den man wählen kann.

Mit dem Typprüftest wird lediglich bewertet, ob die Konstruktion des Produktes den Anforderungen entspricht – Toleranzen der Fertigung bleiben hier vollkommen unberücksichtigt. Auch hier empfehlen wir ganz klar die Prüfungen so zu gestalten, dass entsprechend der in der FMEA festgestellten Abweichrisiken eine echte Bewertung der Produkte möglich ist.

Und wir raten auch ganz stark davon ab, einen Typprüftest für einen Nachtrag zur Genehmigung als CoP-Prüfung zu verwenden. Wenn ich eine Änderung an einem bestehenden Produkt durchführe, die so umfangreich ist, dass ich diese Änderung in der Typgenehmigung erfassen muss, kann ich mit diesem Baumuster der erfolgten Änderung keinen Rückschluß auf die Einhaltung von Fertigungstoleranzen vor der Änderung ziehen.

Typischerweise "1x in 2 Jahren" – Pflicht der Behörde

Art. 31 Abs. 4 der VO (EU) 2018/858 legt höchstens drei Jahre zwischen den CoP-Kontrollen fest. Viele Einzelne Normen (UN-Regelungen) verlangen jedoch „Überprüfung 1x in 2 Jahren“) – hier ist jedoch die Pflicht der Behörde gemeint, den Hersteller zu auditieren.

CoP auf einen Blick

Art. 31 Rechtsgrundlage in der VO 2018/858
≥ 3 J. max. Intervall der Behördenkontrolle
2 Säulen CoP-Q (Prozess) und CoP-P (Produkt)
Risiko -basierte Planung von CoP
Digitaler Messschieber misst ein Metallbauteil neben einer Prüfliste
Serienkonformität ist messbar: Stichproben und Prüfpläne machen den genehmigten Typ nachvollziehbar.

Die zwei Säulen: CoP-Q und CoP-P

In der Praxis der Genehmigungsbehörden – so wie es das Gesetz auch vorschreibt – ruht die laufende Kontrolle auf zwei Säulen. CoP-Q überprüft das Qualitätsmanagement und die Prozesse: Sind die Vorkehrungen wirksam, die die typkonforme Fertigung sichern? CoP-P prüft das konkrete Serienprodukt, stichprobenartig, gegen die genehmigten Spezifikationen. Beide Perspektiven ergänzen sich: die eine schaut auf das System, die andere auf das Ergebnis.

Ist der Hersteller regelmäßig durch eine von der Behörde anerkannte Stelle zertifiziert, kann die Behörde den Umfang der eigene CoP-Q-Prüfungen reduzieren. Die produktbezogene Kontrolle (CoP-P) bleibt davon jedoch unberührt. Wer also glaubt, ein QM-Zertifikat erledige CoP komplett, verwechselt die Säulen – ein Zertifikat deckt die Prozessebene zu einem hohen Anteil ab, was nicht automatisch zu konformen Produkten führt.

Diese Zweiteilung erklärt auch, warum ein rein interner Blick nicht ausreicht. CoP-Q kann tadellos sein – saubere Prozesse, gepflegte Verfahren – und trotzdem fällt ein Serienteil in der CoP-P-Stichprobe durch, etwa weil ein Zulieferteil driftet oder ein Werkzeug verschleißt. Umgekehrt nützt das beste Einzelteil wenig, wenn das System dahinter nicht reproduzierbar ist. Erst beide Säulen zusammen ergeben den Nachweis, den die Behörde sehen will.

Welche Rolle ISO 9001 und IATF 16949 spielen

Anhang IV erlaubt der Behörde ausdrücklich, eine gültige Zertifizierung nach EN ISO 9001 oder dem automobilspezifischen Standard IATF 16949 als Grundlage für den Nachweis eines „wirksamen“ Qualitätsmanagementsystems heranzuziehen. Jedoch decken diese Standards keine spezifischen Regelung in Bezug auf die GRA, die „Genehmigungsrelevanten Anforderungen“ ab.

Hieraus ergibt sich auch, dass nicht jede Organisation die „Begehung vor Ort“ im Rahmen der Anfangsbewertung durchführen kann.. Grundsätzlich dürfen Behörden Aufgaben an durch sie anerkannte Stellen delegieren – in diesem Fall an einen Technischen Dienst der Kategorie C – ein Zertifizierer für ISO 9001 oder IATF 16949 benötigt hier ebenfalls die Anerkennung der Behörde in Bezug auf die GRA, damit dessen Zertifikat entsprechend dem Scope auch als Basis anerkannt werden kann.

Was die Behörde bei einem CoP-Audit sehen will

Kommt die Genehmigungsbehörde zum CoP-Audit, zählt nicht das Bauchgefühl, sondern der Nachweis. Erwartet werden unter anderem: dokumentierte Kontrollpläne, die Ergebnisse der laufenden Serienprüfungen, eine belastbare Rückverfolgbarkeit über Chargen- oder Seriennummern sowie der Beleg, dass Abweichungen erkannt und abgestellt wurden. Kurz: Sie müssen zeigen können, dass die Serie den genehmigten Typ entspricht – schwarz auf weiß.

Der häufigste Stolperstein ist nicht die fehlende Prüfung, sondern die Einhaltung der Vorgaben zur „Lenkung dokumentierter Information“. Das Datein-Format ist nicht für die vorgesehene Archivierungsdauer geeignet (z.b. „pdf-a“), die Ordnerstruktur und die Backup-Funktion entsprechen nicht den Vorgaben zur Archivierung und die Unveränderlichkeit der Dokumente ist nicht sicher gestellt. Wer nicht sicherstellt, dass seine CoP-Berichte auch nach vielen Jahren noch auffindbar und lesbar sind riskiert im Audit Hauptabweichungen.

Das gilt übrigens auch für Maßnahmen, die nach Auftreten einer Nichtkonformität eingeleitet wurden. Viel zu oft finden sich wichtige Informationen nur in E-Mail-Postfächer, MS Teams, MS Sharepoint oder anderen Systemen, die nur für die aktive Arbeit mit Dokumenten konzipiert wurden und nicht für eine Archivierung, wie diese vom Gesetzgeber in deen Behörden erwartet und gefordert wird.

SoP, EoP – und warum CoP vorher beginnt und nachher weiterläuft

CoP denkt in Produktlebenszyklen. Der Start of Production (SoP) markiert den Beginn der Serienfertigung, das End of Production (EoP) ihr Ende. Der Denkfehler vieler: CoP betreffe nur die Zeit dazwischen. Tatsächlich müssen die CoP-Vorkehrungen – Kontrollpläne, Erstbewertung – bereits vor dem SoP stehen, und Dokumentations- sowie mögliche Rückrufpflichten wirken über das EoP hinaus.

Für Sie heißt das: CoP ist kein nachgelagerter Prüfschritt, sondern begleitet das Produkt von der ersten Produktidee bis über das Produktionsende hinaus. Wer die Kontrollpläne erst kurz vor SoP zusammenschustert, hat die eigentliche Arbeit – die Verankerung im Prozess – schon verpasst.

Genauer betrachtet beginnt CoP sogar noch früher. Schon in der Entwicklung bewertet die FMEA, wo Fehlerrisiken liegen. Lässt sich ein Risiko nicht ausreichend reduzieren und betrifft es ein genehmigungsrelevantes Merkmal, gehört es auf die Liste der CoP-Prüfungen. Die Typgenehmigung ist dann der letzte Moment, in dem geprüft wird, ob diese Bewertung plausibel ist – je nach Ergebnis der Typprüfungen wird die CoP-Planung noch einmal überarbeitet. Anschließend geht sie zusammen mit den übrigen Antragsunterlagen an die Genehmigungsbehörde, die sie prüft und freigibt (Art. 26). Erst danach startet die Serie – und mit ihr die Prüfungen nach Kontrollplan, der seinerseits regelmäßig neu bewertet und angepasst werden sollte.

  1. Anfangsbewertung bestehen

    Nachweisen, dass Vorkehrungen und Verfahren genehmigungskonforme Serienfertigung sichern (Anhang IV) – ggf. über ISO 9001/IATF 16949.

  2. Kontrollpläne aufstellen

    Vor dem SoP festlegen, welche Merkmale wie oft geprüft werden – messbar und nachvollziehbar.

  3. Laufend prüfen & dokumentieren

    Serienprüfungen (CoP-P) durchführen, Ergebnisse belastbar dokumentieren, Abweichungen nachhalten.

  4. Behördenkontrolle bestehen

    Risikobasierte Planung der CoP-Prüfungen – Test-Art, Frequenz, Stichprobengröße

  5. Bei Abweichung reagieren

    Korrekturmaßnahmen einleiten, bevor aus einer Beanstandung eine Marktzugangsfrage wird. Gegebenenfalls die Auslieferung stoppen.

CoP entlang der Lieferkette: warum Zulieferer mitspielen

CoP endet nicht am Werkstor des OEM. Der Fahrzeughersteller kann Serienkonformität nur nachweisen, wenn auch seine Zulieferer genehmigungskonform liefern. Deshalb kaskadiert die Anforderung nach unten – häufig über eine eigen Typgenehmigungspflicht und damit CoP-Pflicht seitens des Lieferanten oder vertragliche Vereinbarungen. Für Zulieferer heißt das: CoP ist kein reines OEM-Thema, sondern reicht bis in die eigene Fertigung hinein.

Wer als Komponentenhersteller seine Prozesse im Griff hat, wird für OEMs zum verlässlichen Partner – wer hier schwächelt, gefährdet nicht nur den eigenen Auftrag, sondern die Genehmigung des Gesamtfahrzeugs. Was heißt das für Sie? Verstehen Sie CoP als gemeinsame Aufgabe der Lieferkette, nicht als isolierte Pflicht Einzelner. Genau an dieser Schnittstelle zwischen den Akteuren entstehen die teuersten Missverständnisse – und lassen sich mit klaren Vereinbarungen am leichtesten vermeiden.

Was bei Nichtkonformität passiert

Die Verordnung wird an dieser Stelle sehr deutlich. Stellt die Behörde fest, dass der Hersteller die CoP-Vorgaben nicht (mehr) einhält, muss sie auf die Wiederherstellung der Konformität hinwirken – oder die Typgenehmigung widerrufen (Art. 31 Abs. 7). Zusätzlich sind restriktive Maßnahmen bis hin zum Rückruf möglich. Aus einer Serienabweichung kann so schnell ein Marktzugangsproblem werden.

Das ist keine Drohkulisse, sondern die innere Logik des Systems: Eine Genehmigung, die für die Serie gilt, hält nur, solange die Serie hält, was das Baumuster versprochen hat. Genau deshalb verbinden wir bei CoP die technische Prüfplanung mit der rechtlichen Nachweisführung – damit Ihre Genehmigung nicht an einer vermeidbaren Lücke zerbricht.

Wenn Software zur Produktion gehört: CoP im Zeitalter der Updates

Seit die Delegierte VO (EU) 2022/2236 den Anhang IV angepasst hat, ist ein Punkt ausdrücklich im Blick: Software ist Teil des Produkts – und Software-Änderungen können den genehmigten Typ berühren. Ein Update, das eine genehmigungsrelevante Funktion verändert, ist kein reines IT-Thema, sondern eine Frage der fortbestehenden Konformität.

Für Hersteller heißt das: Der CoP-Gedanke wandert in die Software hinein. Wer Steuergeräte-Software aktualisiert, muss sicherstellen, dass die Serie auch nach dem Update dem genehmigten Typ entspricht – und das belegen können. Hier verzahnt sich CoP eng mit den Software- und Cybersecurity-Regeln der Fahrzeugwelt, etwa dem Software Update Management System nach UN R156. Zwei Regelwelten, ein Ziel: Der genehmigte Zustand muss über die Zeit erfüllt werden.

Was heißt das für Sie? Denken Sie CoP nicht nur mechanisch. Jede Änderung – am Bauteil wie am Code – gehört auf den Prüfstand der einen Frage: Entspricht das noch dem, was genehmigt wurde? Wer sie konsequent stellt, hält seine Genehmigung, auch wenn sich das Produkt weiterentwickelt.

Eine Typgenehmigung ist lediglich die Bestätigung, dass die Konstruktion eines Produktes den gesetzlichen Bestimmungen entspricht. Mit CoP weisen Sie „jeden Tag“ nach, dass Sie auch Ihre Produktionsabläufe im Griff haben und in der Lage sind alle (!) Produkte so zu fertigen, dass diese dem genehmigten Typ entsprechen.
Mark Haacke Gründer & Geschäftsführer, Mark Haacke Compliance Engineering

Die wichtigsten Stichtage

  1. 01.09.2020 gilt

    VO (EU) 2018/858 gilt

    CoP-Pflichten werden EU-weit präziser und strenger gefasst – auch für Behörden und Technische Dienste

  2. 2022 gilt

    Anhang IV aktualisiert

    Die Delegierte VO (EU) 2022/2236 passt Anhang IV an – u. a. mit Blick auf Software im Produktionsprozess.

  3. laufend gilt

    Laufende Herstellerpflicht

    Der Hersteller prüft risikobasiert je genehmigtem Merkmal – über die gesamte Produktionsdauer. Die Behörde kontrolliert mindestens alle drei Jahre (Art. 31 Abs. 4), bzw. „1x in 2 Jahren“ (UN-ECE)

Häufige Fragen zur Conformity of Production

Was bedeutet CoP genau?

Übereinstimmung der Produktion – der Nachweis, dass jedes in Serie gefertigte Fahrzeug oder Bauteil dem genehmigten Typ entspricht. Rechtsgrundlage ist Art. 31 in Verbindung mit Anhang IV der VO (EU) 2018/858.

Wie oft werden CoP-Prüfungen durchgeführt?

Risikobasiert, entsprechend des Risiko, dass eine bestimmte Fehlerart eintritt und deren Folgen, werden Testart, Prüffrequenz und Stichprobegröße bestimmt.

Reicht ein ISO-9001-Zertifikat für CoP?

Es kann die Anfangsbewertung nicht abdecken (Anhang IV). Und auch wirksame Prozesse können die stichprobenartige Produktprüfung (CoP-P) nicht ersetzen. Die Behörde kann jederzeit zusätzlich prüfen.

Was ist der Unterschied zwischen CoP-Q und CoP-P?

CoP-Q prüft das Qualitätsmanagement und die Prozesse, CoP-P das konkrete Serienprodukt gegen die genehmigten Spezifikationen. Beide Säulen ergänzen sich.

Was passiert bei Nichtkonformität?

Die Auslieferung muss gestoppt werden und die Fehlerursache analysiert werden. Sind Produkte bereits ins Feld gelangt, kann hieraus ein Rückruf folgen. Die Behörde muss auf Wiederherstellung hinwirken oder kann die Typgenehmigung widerrufen (Art. 31 Abs. 7).

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